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Wieso gibt es in Deutschland wenige Kinder? Das Institut für Demoskopie in Allensbach ist dieser Frage nachgegangen und hat eine Studie erstellt über »Einflussfaktoren auf die Geburtenrate«. Den Auftrag für diese Untersuchung vergab das Staatsministerium Baden-Württemberg. An der Befragung haben 1 257 Frauen und Männer im Alter zwischen 18 und 44 Jahren teilgenommen. Ergebnisse der Befragung zu »Kinderwünschen und den Gründen für eine Entscheidung gegen (weitere) Kinder« wurden am 4. Oktober 2004 in Berlin vorgestellt. Die Ergebnisse sollen repräsentativ für Deutschland sein.
… muss zwischen den Ergebnissen und ihrer Interpretation unterscheiden. Dies gilt besonders für die Interpretation in der Kurzfassung, die Allensbach der Öffentlichkeit vorstellte. Die Ergebnisse belegen deutlich: Kinder sind gewollt. Aber entscheidend für die Gründung einer Familie ist die Partnerschaft, gefolgt von wirtschaftlichen Bedingungen, und hier in erster Linie von beruflichen und in zweiter Linie von finanziellen Aspekten. Dann erst zählen politische Rahmenbedingungen, wobei der Kinderbetreuung besonders in Baden-Württemberg eine stärkere Bedeutung zukommt als möglichen finanziellen Leistungen. Und eher am Ende stehen persönliche Interessen und Eigenschaften, die ein selbstverwirklichtes Leben ohne Kinder vorsehen.
Die empirischen Ergebnisse bestätigen damit weit gehend die umfassende Forschung über Bedingungen, unter denen Kinderwünsche verwirklicht oder nicht verwirklicht werden. So zeigt beispielsweise die Value-of-children-Forschung, weshalb Paare keine Kinder bekommen: Wenn Paare in Kindern ein Minimum an psychologisch-emotionalem Nutzen und gleichzeitig ein Maximum an potenziellen Kosten sehen, dann gibt es – theoretisch – keinen Nachwuchs.1 Die so genannten Opportunitätskosten aus entgangenem Nutzen etwa infolge beruflicher Einschränkungen sind für Frauen heute immer noch höher als für Männer, wie die Studie belegt.
Die Ergebnisse berücksichtigen in der Regel die Antworten aller 18- bis 44-Jährigen. Eine weitere Unterscheidung der Antworten findet kaum statt. Deutlich wird dies etwa bei den Motiven für die Entscheidung gegen (weitere) Kinder in der derzeitigen Situation. In dem gemeinsamen Topf landen die Antworten von 18-Jährigen wie 44-Jährigen, von Frauen und Männern, von Akademikerinnen und Frauen ohne Berufsausbildung. Unbeachtet bleibt, dass die befragten Personen sehr unterschiedliche Lebenslagen und Lebensverläufe repräsentieren und dass bestimmte Motive noch nicht oder nicht mehr infrage kommen. Kurzum: Die Distanz zur Elternschaft erklärt sich wesentlich durch die Stellung im Lebenszyklus.2 Beispielsweise dürfte eine sichere Kinderbetreuung für einen 18-jährigen Mann eine andere Bedeutung haben als für eine 30-jährige Akademikerin oder einen berufstätigen 40-jährigen Mann. Das Problem ist bekannt: Durchschnittswerte – hier über alle Lebensphasen – sind selten aussagekräftig, so auch die vorliegenden Ergebnisse zu den Motiven.
Ein anderes Beispiel für fehlende Differenzierung sind die Ergebnisse zur Beurteilung der eigenen wirtschaftlichen Lage durch Kinderlose. So verwundert es nicht, dass Kinderlose ohne Kinderwunsch ihre wirtschaftliche Lage besser einschätzen als Kinderlose mit Kinderwunsch. Bei Kinderlosen ohne Kinderwunsch dürfte es sich vorwiegend um ältere Personen mit entsprechenden beruflichen Karrieren und eher höheren Einkommen handeln. Im Gegensatz dazu dürften Kinderlose mit Kinderwunsch eher zu den jüngeren Personen gehören, die zumeist am Anfang ihrer beruflichen Entwicklung stehen und eher über niedrigere Einkommen verfügen. Mit anderen Worten: Hinter dem scheinbaren Zusammenhang zwischen Kinderwunsch und wirtschaftlicher Situation kann das Alter als drittes Merkmal und gemeinsamer Ursache für »Kinderwunsch« und »wirtschaftliche Situation« stehen. Eine tiefer gehende Differenzierung stößt allerdings rasch an quantitative Grenzen der Stichprobe von 1 257 befragten Personen. Allein eine Unterscheidung nach Frauen und Männern, vier Altersgruppen, Eltern und Kinderlosen würde 16 Gruppen ergeben mit jeweils – unter Annahme der Gleichverteilung – rund 78 Personen. Weitere Unterscheidungen etwa nach Ausbildung und Erwerbsbeteiligung, die mit Blick auf Kinderwünsche und den Gründen für oder gegen Kinder wichtig wären, sind deshalb kaum möglich.
Eine tiefer gehende Differenzierung stößt allerdings rasch an quantitative Grenzen der Stichprobe von 1 257 befragten Personen. Allein eine Unterscheidung nach Frauen und Männern, vier Altersgruppen, Eltern und Kinderlosen würde 16 Gruppen ergeben mit jeweils – unter Annahme der Gleichverteilung – rund 78 Personen. Weitere Unterscheidungen etwa nach Ausbildung und Erwerbsbeteiligung, die mit Blick auf Kinderwünsche und den Gründen für oder gegen Kinder wichtig wären, sind deshalb kaum möglich.
Eine zentrale Schwäche der Studie ist, dass sie fast ausschließlich bei der Vereinbarkeit von Beruf und Familie das sukzessive Modell thematisiert, nach dem traditionell die Frau (»junge Mutter«) die Kinder erzieht und dafür ihre Berufstätigkeit einschränkt oder unterbricht. An keiner Stelle wird die Möglichkeit des simultanen Modells, dass beide Partner beruflich nicht zurückstecken müssen, als Voraussetzung für Familiengründung nachgefragt.
Auch die Bewertung der Familienpolitik allein durch die Eltern ist einer Ergänzung würdig. Sie haben sich bereits für Kinder entschieden und sich damit auch mit der gegebenen Familienpolitik mehr oder weniger zufrieden arrangiert. Ungefragt sind aber die Kinderlosen geblieben. Sie stehen noch vor der Entscheidung, etwa künftig Beruf und Kind zu vereinbaren. Deshalb wäre es interessant gewesen, was sie denn beim Ausbau der Familienförderung präferierten: finanzielle Unterstützung oder Verbesserung der Betreuungsinfrastruktur?
Allerdings wäre die Frage: »30 Euro mehr Kindergeld oder mehr Kinderbetreuung?« von den meisten kinderlosen Frauen und Männern wohl kaum ernst genommen worden. Denn man muss wissen: Gerade in Lebensphasen, in denen Familien gegründet werden, ist das Einkommensgefälle zwischen kinderlosen Paaren und Paaren mit Kindern mit am steilsten. Da geht es dann nicht um 30 Euro oder 50 Euro, sondern um 600 Euro bis 650 Euro pro Kopf und Monat, und zwar netto. Nachzulesen ist dies im neuen Familienbericht von Baden-Württemberg.
Zwischen dem, was derzeit »ratsam« ist, und dem, was »favorisiert« wird, kann ein riesengroßer Unterschied liegen. Es stimmt: Die Mehrheit der 18- bis 44-Jährigen rät einer »jungen Mutter mit Kleinkind«, ihren Beruf nur noch in Teilzeit auszuüben (49 %) oder ganz aus dem Beruf auszuscheiden (29 %). Falsch ist die Interpretation des Ergebnisses, dass »die deutsche Bevölkerung nach wie vor einen (partiellen) Ausstieg von Müttern kleiner Kinder aus dem Beruf favorisiert«. Unter den heutigen Bedingungen der Vereinbarkeit von Beruf und Familie, wie sie vor allem in Westdeutschland herrschen, mag eine berufliche Einschränkung tatsächlich ratsam sein. Ist sie allerdings auch eine, die man bevorzugt, die man sich wünscht?
Allzu leicht werden empirische Sachverhalte normativ interpretiert. Politisch ist das legitim, wissenschaftlich ist das falsch. Deshalb ist auch unter der Schlagzeile »Sorge vor finanziellen Einschränkungen« die Interpretation falsch, dass »60 % der Kinderlosen erwarten, dass sich ihre materielle Situation durch Kinder deutlich verschlechtern würde«. Zunächst wurde gefragt, wie sich mit einem Kind die eigene finanzielle Situation verändern würde. Darauf antworteten 82 %, dass sie dann eher weniger Geld zur Verfügung hätten. 60 % gaben an, dass dieser Unterschied »deutlich spürbar« sei und dass sie sich »sehr einschränken« müssten. Aus der empirischen Forschung ist bekannt, dass Paare sehr wohl wissen, dass auf sie finanzielle Einschränkungen zukommen werden und dass diese zum »Kalkül Elternschaft« gehören, aber nicht stets mit »Sorge« oder »Verschlechterung« gleichzusetzen sind.3
Kinder? Ja, aber! Nur unter bestimmten Bedingungen, und die liegen heute wohl seltener denn je vor: ein Partner, mit dem man auch eine Familie gründen will und kann, ein Arbeitsplatz, der Perspektive und finanzielle Sicherheit bietet, und politische Rahmenbedingungen, die es einem ermöglichen, auch dann einen Beruf auszuüben, wenn ein Kind zu betreuen ist. Heute sind Kinder eine Option und keine Selbstverständlichkeit. Die Studie bestätigt dies mit ihren Ergebnissen weit gehend. Sie zeigt aber auch: Für die Verwirklichung des Kinderwunsches zählen vornehmlich private und wirtschaftliche Bedingungen, für die bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie sind hingegen politische Rahmenbedingungen und hier besonders familienergänzende Kinderbetreuung wichtig. Dass die Studie bei dem Problem »Vereinbarkeit« mehr Handlungsbedarf aufzeigt, als auf dem ersten Blick zu erkennen ist, ist ihr verdeckter Verdienst.
1 Siehe Nauck, Bernhard: Der Wert von Kindern für ihre Eltern. »Value of Children« als spezielle Handlungstheorie des generativen Verhaltens, in: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, Heft 3/2001, S. 407-435.
2 Schneewind, Klaus A./ Vaskovics, Laszlo A. u.a.: Optionen der Lebensgestaltung junger Ehen und Kinderwunsch. Verbundstudie, hrsg. vom Bundesministerium für Familie und Senioren, Schriftenreihe des Bundesministeriums für Familie und Senioren; Band 9, Stuttgart, 1992, S 135 (Zitierweise: Schneewind/ Vaskovics: Optionen, 1992).
3 Schneewind, Klaus A./Vaskovics, Laszlo A. u.a.: Optionen der Lebensgestaltung junger Ehen und Kinderwunsch, Verbundstudie – Endbericht, hrsg. vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, Schriftenreihe des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, Band 128.1, Stuttgart, 1996, S. 96-97. – Schneewind/Vaskovics: Optionen, 1992, S. 235 –sowie Nauck, Bernhard: Kinder als Objekte individuellen und kollektiven Nutzens. Anmerkungen zur familien- und sozialpolitischen Diskussion, in: Zeitschrift für Sozialreform, 50/2004, S. 60-80.
© Statistisches Landesamt Baden-Württemberg, Stuttgart, 2004 | ^